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< Herr Lehmann Die Mutter Das Wunder von Bern >      

Rentnerrevolte
May (Anne Reid) ist eine typische Provinzseele, die sich auch im Alter noch liebevoll für ihren Ehegatten (Peter Vaughan) aufgibt. Als dieser bei einem Familienbesuch in London plötzlich das Zeitliche segnet, weiß May, dass sie nicht mehr in ihr altes Leben zurück will. So quartiert sie sich bei ihrem wohlhabenden Sohn ein. Um nicht eine von den vielen lästigen alten Ladies zu werden, deren Stereotyp den Plural diktiert, startet sie das erste wahre Abenteuer ihres Lebens: eine Affäre. Darren (Daniel Craig) ist gut ein viertel Jahrhundert jünger als die rüstige Dame, bastelt gerade am Wintergarten ihres Sohnes und befriedigt obendrein noch ihre Tochter. Dennoch kann er es nicht lassen May endlich die Luft zum Atmen frei zu machen, nach der sie so viele Jahre gerungen hat.
     Nicht das erste Mal erleben wir Seniorenkrisen und ihre Fantasielösungen. Bereits Jack Nicholson konnte dieses Kinojahr in About Schmidt den Moralhammer schwingen. Tatsächlich erinnert vieles an diese männliche Filmvorlage zur Entwicklung von Bewältigungsstrategien im
Rentenalter. Doch hat Die Mutter wesentlich mehr weiblichen Reiz zu zeigen und eröffnet, wenn auch durch das maskuline Auge des Notting Hill-Regisseurs Roger Michell, ganz neue Aspekte für die Rettung vor dem Seniorenheim: die Flucht in sexuelle Sehnsüchte und deren Erfüllung.
     London gibt bei dieser Krisenbewältigung die Tonart an. Die Großstadt, Hort der Unbarmherzigkeit und des schlichten Egoismus, gebiert so manche kaputte Beziehung oder kränkelnde Familienbande. Klar, dass die Indifferenz zwischen jung und alt hier noch markanter greift als irgendwo anders, schließlich hat ein jeder sein Leben besser als andere zu leben. Egal wie oft dabei der Ellenbogen herausgestreckt wird oder man sich vor lauter Selbstmitleid auf den
Boden ergießt, irgendwie klappt es noch immer sich in diesem Sumpf geheime Wünsche zu erfüllen. Von diesen süß-bitteren Lebenskämpfen weiß der Autor Hanif Kureishi schon lang ein Lied zu singen. Mit Die Mutter legt er nun ein verspieltes Drehbuch vor, das in seiner Offenherzigkeit entzückend zu schockieren weiß, ohne je den Anreiz am Weiterschauen in Frage zu stellen.
     So erleben wir schon fertig entwickelte Charaktere, die den ganzen Film über an ein und der selben Neurose leiden, untereinander nie ganz harmonieren aber jeder für sich als Blüte dieser Story brilliert. Hinter einem sanften Blaufilter werden urbane Realitäten gegen fiktive Einblicke in die Sehnsüchte der Protagonisten gestellt und in einem Rahmen präsentiert, der reifer sein will als er letztendlich ist. Immerhin bleibt die Sicht eindeutig eine maskuline, die sich stets am Selbstmitleid der Frau hochzieht und ihr eigenes Geschlecht für ihr Lustprinzip aburteilt. Sicher sind die sexuellen Sehnsüchte im Alter noch so stark wie es die Neugier auf die Welt hinter den Tabus in der Jugend war, aber sollte nicht gerade dieses intime Detail durch eine weibliche Hand hinter der Kamera entlarvt werden?

HAMA

Die Mutter - Facts


Drama, GB 2003
Regie: Roger Michell
Hauptdarsteller: Anne Reid, Peter Vaughan, Anna Wilson Jones, Daniel Craig u.a.
Bundesstart: 9.10.2003
Homepage: Die Mutter
(n/a)
Action
Humor
Spannung 
Anspruch
Erotik

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Mit freundlicher Unterstützung von (Chemnitz)

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