Jeder lebt in einer Vortex aus Konsum, Verfall und Tod. Jeder kämpft einen eigenen Krieg gegen einen unsichtbaren Feind. Zeit ist Verdammnis und so ist der Mensch.
Godfrey Reggio hat den dritten und abschließenden Teil der Qatsi-Trilogie geschaffen, die einst mit Koyaanisqatsi ihren Anfang fand. Als ausführender Produzent hat sich kein anderer als der Grenzgänger Steven Soderbergh angeboten, der gemeinsam mit Miramax den Abschluss der Trilogie möglich machte.
Das Leben als solches steht im Mittelpunkt des bildhaften Diskurses. Unterlegt von fulminanter Musik des Arbeitstiers Philip Glass, der bis zu 80 Konzerte im Jahr gibt, skizziert man den Mensch in den Bahnen der Zeit und des weltlichen Raumes. Das Leben ist aus der Balance, erfuhr eine Transformation und ist nun ein Krieg für sich.
Reggios Filme brauchen kein Drehbuch. Anders als im herkömmlichen Kino, gibt es hier keine Dialoge, keinen greifbaren Plot und keine lineare Bilderfolge. Seine Filme sind eine Reise, bewegte Kunstwerke, die sich nur auf der Leinwand entfalten und nicht in ein Museum zu sperren sind. Ein zwiespältiger Artgenuss für die Sinne und den Verstand.
Stets ist man bewegt, den zu 80% aus restaurierten Archivmaterial zusammengeschnittenen, neu-kolorierten und verzerrten Bildern einen Sinn zu geben und kommt aus dem Interpretieren nicht mehr heraus. Der Kopf ist aktiv an der Bewältigung beteiligt und durchlebt in Naqoyqatsi die Dreiteilung des Lebenskrieges.
Die erste Bewegung – Numerica - beschäftigt sich mit der Reduktion des menschlichen Informationsaustausches auf einen numerischen Code. Zeigt das wir nur Teil von vielen sind, jeder austauschbar ist und der Mensch heute lediglich über Nullen und Einsen definiert wird.
Dieses Leben wird in der zweiten Bewegung – Circus Maximus – zum Spiel. Wettkampf, Konsum, Kapitalismus, Krieg – die letzten Bastionen menschlicher Maximen kommen auf den Prüfstand.
Zivilisierte Gewalt also treibt nun die unausweichliche dritte Bewegung voran. Das Raketenschiff des 20sten Jahrhunderts wird angetrieben durch menschliche Aggression und Provokation.
Reggio skizziert diese Bewegungen durchaus ohne Kommentar, dennoch ist die Kritik offensichtlich und das Klagen durch die Musik zu vernehmen. Aufgrund der Thematik und der fehlenden Lösung aus der beschriebenen Situation hinterlässt der Film durchaus pessimistische Spuren. Naqoyqatsi ist somit der düsterste Teil der Qatsi-Trilogie und ist keineswegs leichte Kinokost.
Der Zuschauer sollte sich auf ein Bedeutungsragout einstellen, dass mit einem konfusen Bilderregen und überwältigender musikalischer Untermalung aufwartet. Dennoch ist Naqoyqatsi ein wichtiger Beitrag und Kommentar zur gegenwärtigen globalen Situation und ist die Tortur im Kinosessel allemal wert, denn nur da kann die Wirkungsästhetik am Besten greifen.
Eure Meinung zum Film Naqoyqatsi
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